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Pressemitteilung: 17. ACATIS-Value-Konferenz (Livestream) am 05.06.2020

Kategorie: Unternehmensneuigkeiten

Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung

8. Juni 2020 (mpr) – „Der Kapitalismus findet die bestmöglichen Lösungen für die gegenwärtigen Krisen, aber er braucht gute Regeln und starke Staaten, die sie mit ihren Gesetzen und Aufsichtsämtern durchsetzen, sonst läuft der Markt in die falsche Richtung und produziert Unsinn.“ So resümierte Gastgeber Dr. Hendrik Leber die Vorträge und Diskussionen der 17. ACATIS-Value-Konferenz (Livestream) am 5. Juni 2020 mit über eintausend Online-Teilnehmern.
„Wir sehen hunderte von Firmen, häufig sehr klein, in die gut investiert werden kann, weil sie jede für sich einzelne Probleme angehen. Die gegenwärtige Renditedifferenz zwischen Rentenpapieren und Aktien wird weiterhin viel Geld in Aktien fließen lassen, und wir wollen beim Wachstum dabei sein“, wagte Leber einen positiven Ausblick.
Anders als bei allen vorangegangenen Konferenzen konnten erstmals nicht nur institutionelle Investoren und Presse teilnehmen, sondern alle Interessierten – per Livestream via Internet. Die Teilnehmer machten regen Gebrauch von der Möglichkeit, sich über ein Chatsystem mit Fragen an die Referenten zu beteiligen.
Die Kapitalverwaltungsgesellschaft ACATIS Investment mit einem auch 2020 weiter gewachsenen Anlagevermögen von über 7 Mrd. EURO und rund 40 Mitarbeitern widmet sich dem wertorientierten Investieren und veranstaltet die jährliche Value-Konferenz zum Ideenaustausch in der Investmentbranche. In diesem Jahr fokussierte sich die Konferenz auf die Notwendigkeiten und Rahmenbedingungen kapitalistischer Wirtschaftssysteme, von denen am ehesten Lösungen der gegenwärtigen Krisen - Pandemien, Klimawandel, Hunger, Rassismus und Migration - zu erwarten seien, so die einhellige Meinung der Vortragenden.  

Ein Lob dem Kapitalismus
„Märkte, Eigenverantwortung, Gewinnstreben und die Möglichkeit, Kapital aufzubauen, schaffen mehr Wohlstand für alle. Kein sozialistischer Staat hat jemals mit Planwirtschaft und Bevormundung die Lebensbedingungen der breiten Masse langfristig verbessert; Chinas großer Sprung nach vorne kostete 1959 bis zu 45 Millionen Menschen das Leben. Solidarität und Gerechtigkeit produzieren kein Brot. Erst die zunehmende Einführung privatwirtschaftlicher Elemente ab Ende der 70er Jahre brachte China voran. Der Kapitalismus kann viel mehr, als wir ihm zutrauen, aber viele Menschen verstehen seine Wirkungsweise nicht“, steckte Leber in seinem Einführungsvortrag das Themenfeld des Tages ab.

Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung
„Der Markt hat versagt, wir brauchen mehr Staat“ - das behaupten seit dem Ausbruch der Finanzkrise besonders Politik, Medien und Intellektuelle. Der Wirtschaftshistoriker Dr. Dr. Rainer Zitelmann vertritt die Gegenthese: Mehr Kapitalismus tue den Menschen gut. In Ländern, wo der Staat an Einfluss verliere und die Menschen dem Markt mehr vertrauten, steige der Wohlstand und gehe die Armut zurück. Als Kapitalismus und industrielle Revolution vor etwa 250 Jahren entstanden, lebten 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute seien es nur noch 10 Prozent. Die größte Gefahr für unseren Wohlstand sei, dass diese Lehren der Geschichte in Vergessenheit geraten.
„Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsordnung, die sich evolutionär entwickelt hat, so wie sich Tiere und Pflanzen in der Natur entwickelt haben, ohne dass es dafür eines zentralen, lenkenden Planes oder einer Theorie bedürfte.“ Die oft gehörte These von den „Grenzen des Wachstums“ gelte nicht, da der technische Fortschritt ständig die Grundlagen ändere; so enthalte heute ein Smartphone rund 40 größere Geräte aus der Vergangenheit. Damit sei Wirtschaft auch kein „Nullsummenspiel“, bei dem Wachstum unerheblich und Gleichheit wichtiger als Wohlstand sei.

Kapitalismus im Kommunismus
Welche belebenden Folgen marktwirtschaftliche Elemente auch in einer Planwirtschaft haben können, stellte Prof. Dr. Ingo Beyer von Morgenstern von Qilin Capital dar und zeigte, wie einzigartig Chinas langfristige Entwicklung ist und wie man am Wachstum Chinas und seiner Hidden Champions teilhaben könne – „wir investieren aber nicht in Staatsunternehmen“. Das chinesische BIP sei in den letzten 25 Jahren kontinuierlich über sechs Prozent jährlich gewachsen; auch ein kurzfristiger Rückschlag werde China nicht aufhalten können, spätestens in zehn Jahren die größte Volkswirtschaft der Welt zu sein. Zusätzlich zu den bereits 100 chinesischen Unternehmen in den Fortune 500 werden 100 weitere aufsteigen und damit die amerikanischen Unternehmen überrunden. Die besten börsennotierten privaten Unternehmen hätten ihren Wert in den vergangenen 5 Jahren versechsfacht, während der Index CSI300, dominiert von Staatsunternehmen, seinen Wert nur verdoppelte. Die privaten Unternehmen seien die Emerging Hidden Champions. Sie zeichneten sich durch rasantes Wachstum und disruptive „Leapfrogging“-Geschäftsmodelle aus, bei denen ganze Entwicklungsstufen übersprungen würden - als Beispiele nannte er den Verzicht auf Festnetztelefonie und den direkten Einstieg in Mobiltechnik sowie Online-Shops statt hunderttausender örtlicher Filialen. „Ein Wirtschaftskrieg mit den USA scheint wahrscheinlich, aber das chinesische System hat durch seine Stabilität gute Voraussetzungen, zu gewinnen. Die Wahlperioden und die Wirtschaftspläne liegen jeweils bei 5 Jahren, aber überlappen sich um 2,5 Jahre, so dass keine neue Regierung sofort grundlegendes ändern kann.“

Marktkräfte treiben den Fortschritt
Wie Marktkräfte zu absolutem Wachstum führen und gleichzeitig die Bauern in einer prekären Situation halten, zeigte der Agrarforscher und -berater Dr. Lutz Krafft. Die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion sei in den USA durch den Einsatz von Technologie seit den 1930er Jahren stark angestiegen, ohne dass sich die Ertragssituation für die Landwirte wesentlich verbesserte. Der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, aber auch Produktionsmitteln sei in der Hand von wenigen globalen Firmen, die erheblichen Preisdruck ausübten. Der Marktpreis bleibe nahe an den Produktionskosten in den landwirtschaftlichen Betrieben. Weitere Produktivitätssteigerungen seien eine Notwendigkeit des Systems. Entwicklung und Bereitstellung produktivitätssteigernder Produktionsmittel bedürften eines hohen Aufwandes und hätten den Konzentrationsprozess bei den Technologie-Anbietern getrieben.
Krafft skizzierte, welche Technologien den Fortschritt in den nächsten Jahren maßgeblich treiben könnten: gezielte Genveränderung durch Crispr, Gensequenzierung, Auswertung des Genpools bisher unbekannter Bodenbakterien, künstliche Intelligenz bei der Planung von Genveränderungen und robotergestützte Präzisionslandwirtschaft, die sowohl die Reduktion von Chemikalien erlaube wie auch die Rückkehr zu wieder kleineren Anbauflächen, und damit mehr Biodiversität. „All diese Innovationen sind aber schwierig in Großtechnologien umsetzbar und erfordern weiterhin weltweite Player, um die Entwicklungskosten tragen zu können.“

Kartellrecht und digitale Monopole
Ähnliche Gesetze gelten im Cyberbusiness. Während digitale Online-Plattformen den Wettbewerb auf vielen Güter- und Dienstleistungsmärkten intensiviert hätten, bestehe aufgrund des „Winner-takes-all“-Charakters dieser Märkte auch ein erhöhtes Risiko einer Marktabschottung durch große Plattformen, so der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission, Prof. Dr. Justus Haucap vom Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE). Insbesondere Strategien, die künstlich erschweren, dass Nutzer auf mehreren Plattformen gleichzeitig aktiv sind (Multihoming), sollten von Wettbewerbsbehörden noch vor der Entstehung einer Marktbeherrschung untersucht werden. Darüber hinaus sollte der Zugang zu bestimmten Daten für Dritte grundsätzlich einfacher sein als bisher. Haucap sieht Deutschland und damit Europa mit der 10. Kartellrechtsnovelle, die in der zweiten Jahreshälfte 2020 anstehe, hier auf gutem Wege. Das dürfe aber nicht überbewertet werden, denn Europa sei bei den 100 größten Internet-Plattformen gegenüber USA und Asien weit zurückgefallen, und decke ganze drei Prozent des Marktes ab.

Kapitalismus und Gemeinwohl
Klimawandel sowie die Vergiftung der Natur und der Menschen werden immer noch nicht energisch genug angegangen, meint der Brite Jeremy Grantham, 81, einer der großen Value-Investoren und Philanthropen der Gegenwart. „Der Kapitalismus ist daran mit schuld - weil seine Akteure zu kurzfristig denken und das Gemeinwohl nicht im Auge behalten. Investoren müssen dies beachten, wenn sie an ihr Portfolio denken. Es ist vor allem ein Portfolio für ihre Enkelkinder.“ Er erinnerte an die Thesen von Joseph Schumpeter zur kreativen Zerstörung durch den Kapitalismus. Er investiere deshalb viel in Venture Capital, aber beobachte genau. „Wenn wir den Kapitalismus ungezügelt lassen, werden wir die Probleme verstärken; der Kapitalismus braucht einen Polizisten.“ Ein Einzelunternehmen werde von sich aus nicht für das Allgemeinwohl tätig werden, wenn dies den Eigeninteressen widerspreche.
Auf der anderen Seite habe der Kapitalismus dafür gesorgt, dass alternative, erneuerbare Energien wie Wind und Photovoltaik praktikabel und bezahlbar wurden. Dort müsse weiter investiert werden. Die Chancen auf Verbesserungen würden aber laufend geringer, vor allem in den USA, wo das Wachstum des Bruttosozialprodukts permanent sinke.

Klimaschutz durch Marktwirtschaft
„Es kostet nicht die Welt, die Erde zu retten“, behauptet Professor Andreas Löschel, Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung Münster (CAWM) und Mitautor von Berichten des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC). 0,1 Prozent des Wirtschaftswachstums reichten aus, wenn jetzt die günstigsten Stellschrauben zuerst gedreht würden. Der Emissionszertifikatehandel führe dazu, dass Emissionen genau dort verringert würden, wo es am günstigsten sei. „Wir können in Deutschland auf jeden Fall als Vorreiter 80 Prozent unserer CO2-Emissionen vermeiden, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.“ Der letzte Sachstandsbericht des Weltklimarats zeige, dass für eine wirksame weltweite Reduzierung alle Länder sofort mit dem Klimaschutz beginnen und alle Technologieoptionen nutzen müssten. Ein Blick auf die Energiewende in Deutschland und die Klimapolitik in Europa mache aber klar, dass ökonomisch effiziente Minderungsstrategien noch nicht in Sicht seien. Kohleausstieg, CO2-Bepreisung, Klimapaket - das umfangreiche Klimaschutzprogramm der Bundesregierung habe die Tür zu marktwirtschaftlichem Klimaschutz geöffnet. „Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber zu langsam.“ Jetzt bedürfe es aber mehr an Markt und Wettbewerb in der Energiewende.

Der Marktpreis von Katastrophen
Vor dem Hintergrund des Klimawandels und des damit verbundenen Anstiegs der weltweiten Verluste aus extremen meteorologischen Ereignissen stellte Daniel Ineichen, Leiter des ILS-Fondsmanagements (Insurance-Linked-Securities) bei Schroder Investment, die Frage, ob solche Katastrophen adäquat bewertet werden können und wie der Markt damit umgeht. „Die vorhandenen Modelle der Rückversicherungsbranche können mit sehr großen kontinentübergreifenden Schäden wie Vulkanausbrüchen und Pandemien nicht umgehen, weil die Risiken eben nicht genau genug bestimmbar sind. Deshalb gibt es hier auch keine Policen und keine Marktpreise für die Rückversicherung.“ Demgegenüber seien die enorm gestiegenen regional begrenzten Schäden durch Stürme oder Fluten durchaus handhabbar; ein erheblicher Teil des Schadenswachstums sei nicht allein durch die Naturereignisse verursacht, sondern dadurch, dass heute mehr und wertvollere Bebauung vorhanden sei als noch vor Jahrzehnten.

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