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Eindrücke von der Technologiekonferenz in San Francisco

Eindrücke von der Technologiekonferenz in San Francisco

Dr. Hendrik Leber berichtet

San Francisco ist der Ort, an dem die Technologiekonferenzen der großen Investmentbanken stattfinden. Von hier aus ca. 70 km nach Süden finden sich auf engem Raum Firmen, die wahrscheinlich in Summe mehr als das deutsche Bruttosozialprodukt produzieren. Sie präsentieren sich auf den Investment-Konferenzen von Goldman Sachs, wo ich mich derzeit befinde, oder in wenigen Wochen bei Morgan Stanley.

Die Kernfrage bei jeder Unternehmenspräsentation ist, wie man noch mehr Kunden weltweit erreicht und noch mehr Geld aus jedem Kunden herausziehen kann. Während in Deutschland Schwaben und Badener sich streiten, Bayern und Franken, Kölner und Düsseldorfer, geht es im Silicon Valley immer gleich um die ganze westliche Welt. Facebook hat derzeit 2,6 Mrd. Kunden, Google will seine Cloudlösung gleich in 15 Ländern weltweit ausrollen, und selbst das kleine Nachbarschaftsportal Nextdoor.com hat schon 8 Länder erobert. Die großen amerikanischen Firmen sind überall. Sie haben wenig Respekt vor Europa. Wo sie nicht sind, dominieren wiederum die Chinesen.

Die Individualisierung des Angebots ist eines der wichtigsten Erfolgsrezepte. Im Kampf der großen Nutzerportale Facebook, Amazon und Google geht es darum, dem Kunden schon einen Vorschlag zu machen, bevor er überhaupt weiß, dass er einen Wunsch verspürt. Das geht nur durch umfassende Auswertung aller personenbezogenen Daten und mit den Werkzeugen der künstlichen Intelligenz. Es muss nahtlos gehen. Am besten verlässt der Kunde sein Portal überhaupt nicht mehr. Er wechselt zum Beispiel von Facebook zu Instagram und zu WhatsApp und bleibt damit immer beim gleichen Anbieter. Deutsche Datenschützer würden schaudern, aber das Rezept funktioniert eben auch nur, wenn die Angebote dem Kunden auch schmecken. Das Positive also ist: Firmen wie Netflix produzieren nur noch Filme, die den Kunden gefallen. Denn man sieht ja, bei welcher Minute die Kunden gelangweilt den Fernseher abschalten und korrigiert dies im nächsten Drehbuch. Der Kunde ist transparent, und er bekommt das angeboten, was er sich wünscht. Auf diese Weise werden Umsätze und Werbedollar maximiert.

Es wird noch verrückter: Spieleanbieter wie Electronic Arts, die aktuell innerhalb einer knappen Woche 25 Millionen neue Spieler für das Spiel Apex gewonnen haben, können dem Fußballverband Fifa mitteilen, wo in den USA welcher europäische Verein seine Fans hat. Die virtuelle Realität beeinflusst die wahre Realität.

Die Kehrseite unserer offenen Kommunikation ist die immer schlechter werdende Datensicherheit. Über 1 Milliarde Passworte wurden mittlerweile gestohlen. Viel schlimmer allerdings ist die Nachricht, dass sich bei praktisch jedem amerikanischen Großunternehmen schon mindestens 5 ausländische Geheimdienste eingenistet haben. Firmen, die sich auf Datensicherheit spezialisieren, haben darum großen Zulauf. Aber - wo ein Hacker hinein möchte, kommt er mit genügend Geduld auch immer hinein. Es ist ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist - aber viele Dateneinbrüche werden eben unter der Decke gehalten.

Ob wir es wollen oder nicht - das ist die neue Gegenwart. Unsere Aufgabe als Investor ist es, unter all diesen Firmen die interessantesten herauszufinden. Schade nur, wie schwach die Europäer hier vertreten sind. Ich habe den Eindruck, dass wir die Zukunft verschlafen.
 

Copyright Foto: Fotograf Maarten van den Heuvel, Unsplash